Die Industrie in Deutschland und in der EU steht vor einer historischen Herausforderung. Einerseits muss sie ihre Klimaziele erreichen, um langfristig wirtschaften zu können. Andererseits drohen steigende Energiekosten und regulatorische Hürden, die Produktionsverlagerungen ins Ausland begünstigen könnten – kurzum: der EU-Emissionshandel bedrohe die Wettbewerbsfähigkeit. Die aktuelle Debatte um Strompreiskompensation, Emissionshandel und staatliche Förderprogramme zeigt, dass der Weg zur klimaneutralen Industrie und Klimaschutz aus der Industrie heraus komplex, umstritten aber dringend notwendig ist.

Doch wie lässt sich der Spagat zwischen ökologischer Verantwortung und wirtschaftlicher Stabilität meistern? Wen gilt es in dieser Zeit zu unterstützen?

Strompreiskompensation: Entlastung für energieintensive Branchen

Die EU-Kommission hat erst kürzlich die Ausweitung der deutschen Strompreiskompensation genehmigt. Rund zwanzig weitere energie- und handelsintensive Branchen erhalten damit höhere Beihilfen. Ziel der Ausweitung ist, die Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen zu sichern und eine Abwanderung der Produktion ins Ausland zu verhindern. Damit sollen Arbeitsplätze in Deutschland und Europa gesichert, sog. Carbon Leakage zu vermeiden und die Standortsicherheit für energieintensive Industrien gestärkt werden, so das Bundesumweltministerium.

Was ist Carbon Leakage?
Als Carbon Leakage bezeichnet man das Vorgehen, wenn Unternehmen CO₂- oder allgemein Treibhausgas-Emissionen in ein außereuropäisches Ausland verlagern. Damit werden strengere Vorgaben der EU für die Emission umgangen.

Allerdings gibt es auch Kritik, denn die Entlastung reduziert auch den Anreiz, Energieeffizienzmaßnahmen umzusetzen. Es stellt sich die Frage, ob die Subventionierung nicht sogar zu einer Verzögerung der Dekarbonisierung führt, statt sie zu beschleunigen.

Außerdem bleiben weiterhin breite Teile der Bevölkerung, sowie die Mehrheit der Betriebe bei diesen Maßnahmen unberücksichtigt. Die bereitgestellten Mittel könnten stattdessen auch für den Netzausbau, Batterie-Großspeicher oder andere Projekte eingesetzt werden, von denen alle gleichermaßen, also auch die Industrie, profitieren würden. Gleichzeitig ist bekannt, dass Investitionen in Netze und erneuerbare Energien nutwendig sind, um langfristig die Strompreise zu senken.

Reform des EU-Emissionshandels (EU-ETS) – Industrie zwischen Forderungen und Warnungen

Der EU-ETS, Emissionshandelsmechanismus der EU, verlangt von emissionsintensiven Branchen den Kauf sogenannter CO₂-Zertifikate. Dadurch soll für die betroffenen Unternehmen ein Anreiz geschaffen werden, in emissionsarme oder energiesparsame Technologien zu investieren. Bislang werden in einer Übergangszeit noch kostenlose CO₂-Zertifikate ausgegeben. Dadurch können Industriebetriebe abschätzen, was der Erwerb der Zertifikate nach der Übergangszeit kosten wird und entsprechende Investitionen planen. Zudem sollen die CO₂-Preise steigen, um den Druck hin zu einer emissionsfreien Industrie, als hin zu Innovation und Investition, nach und nach zu erhöhen.

Wettbewerbsfähigkeit?

Teile der Stahl- und Chemiebranche, darunter Unternehmen wie ArcelorMittal und Thyssenkrupp, sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch steigende CO₂-Kosten gefährdet. Sie fordern ein Einfrieren der Preise für die CO₂-Zertifikate sowie eine Verlängerung kostenloser Zertifikate, da die Infrastruktur für klimafreundliche Produktion, etwa Wasserstoff oder CCUS – Carbon Capture Utilization and Storage, noch nicht ausreichend vorhanden sei. Ihr Argument: Ohne diese Maßnahmen drohe eine Deindustrialisierung Europas, da andere Regionen wie China oder die USA weniger strenge Klimavorgaben haben.

Wettbewerbsfähigkeit!

Aber es gibt auch andere Stimmen. Beispielsweise die Salzgitter AG warnt vor einer Aufweichung des Emissionshandelssystems. Eine solche Aufweichung würde Investitionen in die Dekarbonisierung untergraben und den Klimaschutz verzögern. Dabei ist die Notwendigkeit zur Emissionsreduktion seit den 1970er-Jahren bekannt, wie der Club of Rome in „Die Grenzen des Wachstums“ zeigte.

Die EU-Kommission hat nun einen Kompromissvorschlag zur Reform des ETS vorgelegt. Auf Drängen der genannten Unternehmen soll nun die Ausgabe kostenloser Zertifikate verlängert werden. Im Gegenzug sollen die Mitgliedsstaaten die Erlöse stärker in Maßnahmen zur Emissionsreduktion investieren. Außerdem sollen auch die Branchen Luft- und Seeschifffahrt in den Emissionshandel integriert werden.

Uneinige Industrie – Unterstützung für wen?

Die Industrie ist sich uneinig und die Debatte wirft grundsätzliche Fragen auf: Sollte der Staat (oder die EU) Unternehmen unterstützen, die trotz besseren Wissens nicht hinreichend investieren und nun mit Abwanderung drohen? Oder sollten stattdessen die Unternehmen belohnt werden, die bereits in klimafreundliche Technologien investiert und damit Innovation vorangetrieben haben?

Die Deindustrialisierung Deutschlands oder der EU ist dabei kein neues Phänomen, sondern vollzieht sich seit Jahrzehnten durch den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft und die Verlagerung klassischer Fertigung ins Ausland. Immer wieder wird die Sorge vor einer neuen Deindustrialisierungswelle diskutiert, etwa aufgrund von Energiepreisen, höheren Erbschafts- oder Vermögenssteuern. Experten halten die Angst vor einem massiven industriellen Exodus für übertrieben, betonen aber, dass eine klare Energiestrategie, Bürokratieabbau und Investitionen in Humankapital nötig sind, um die Zukunftsfähigkeit zu sichern.

Strompreisbremse

Außerdem ist zu beachten, dass staatliche Subventionen in Form der Strompreisbremse bereits jetzt schon energieintensiven Unternehmen zugutekommen. Erst kürzlich hat die EU-Kommission eine weitere Beihilferegelung in Höhe von fünf Milliarden Euro genehmigt, um die Dekarbonisierung industrieller Produktionsprozesse zu beschleunigen. Die Grundlage dafür sind CO₂-Differenzverträge mit einer Laufzeit von bis zu fünfzehn Jahren für die Sektoren Stahl, Metall, Gips, Glas, Keramik, Papier, Zellstoff, Kalk und Chemikalien.

Diese Verträge sollen die Mehrkosten klimafreundlicher Technologien wie grünem Wasserstoff, Biomasse oder CCUS im Vergleich zu konventionellen Verfahren ausgleichen und Innovation zur Reduktion von Emissionen fördern. Dadurch sollen die Investitionssicherheit für Unternehmen erhöht und Transformationsrisiken reduziert werden. Die Beihilfen sind aber auch an konkrete Bedingungen geknüpft: Die Unternehmen müssen ihre Emissionen binnen vier Jahren um mindestens fünfzig Prozent und binnen fünfzehn Jahren um mindestens fünfundachtzig Prozent senken, um substanzielle Emissionsminderungen zu erreichen.

Meinung: Wirtschaft zukunftsfähig denken

In der Debatte um Klimaschutz in der Industrie geht es nicht nur um Technologie oder Regulierung. Vielmehr geht es um ein Zukunftsbild. Wollen wir Unternehmen unterstützen, die hinterherhinken, oder belohnen wir die Vorreiter? Normalerweise würde man das eine tun und das andere nicht lassen. Aber bei der Regulierung des EU-ETS geht es eben um das eine oder das andere. Welche Anreize braucht die Industrie noch neben der finanziellen Unterstützung, so viel Know-how wie nie in der Geschichte der Menschheit und einer Regulatorik, die seit Jahren bekannt ist (Planungssicherheit), um endlich mutig in neue Technologien zu investieren?

Innovation fördern

Wenig Innovation und mangelnde Investitionen sind ausgewiesene Probleme, insbesondere der deutschen Wirtschaft. So hatte das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) für 2025 eine Zunahme von Patentanmeldung durch deutsche Unternehmen von 5,6 % verzeichnet. Die Gesamtzahl der Patentanmeldungen ist jedoch um 6,5 % gestiegen.

Für diejenigen, die sich tatsächlich für Innovation einsetzen, sollte der Fairness halber mehr Druck auf die schlafende Konkurrenz ausgeübt werden. Andernfalls drohen Investitionspläne zu scheitern, was ganze Industriezweige gefährdet. In den 2010er Jahren haben wir schon einmal mehr als 100.000 Arbeitsplätze in der Solar-Branche verloren, gerade weil wir an fossilen Geschäftsmodellen festgehalten haben. Damals waren deutsche Unternehmen führend in der Solar-Technologie.

Stabilität und Verantwortung

Wir müssen wirtschaftliche Stabilität und ökologischer Verantwortung miteinander verbinden. Dazu ist es wichtig, bestehende Regulatorik nicht einfach auf das Drängen einiger weniger abzuändern. Denn die Transformation zur emissionsfreien Wirtschaft darf aber nicht auf Kosten derer gehen, die vorangehen und sich anpassen. Wir sitzen alle im selben Boot. Unternehmen, die das nicht verstehen, werden schwerlich einen Platz in der globalisierten und rasend komplexer werdenden Welt behalten.

Die Zeit zum Abwarten ist vorbei. Unternehmen, Politik und Gesellschaft müssen jetzt entscheiden, welche Industrie sie wollen: eine Industrie, die an alten Strukturen festhält und langfristig den Anschluss verliert, oder eine Industrie, die die Chance ergreift und zum Vorreiter einer klimaneutralen Wirtschaft wird.

Weiterführende Links

Investitionen als Mittel gegen Unsicherheit

Die Transformation zur Kreislaufwirtschaft

Patente und Nachhaltigkeit

Quellen

Bundesumweltministerium zu Strompreisbremse – https://www.bundesumweltministerium.de/pressemitteilung/strompreiskompensation-eu-kommission-genehmigt-zusaetzliche-entlastungen-fuer-energieintensive-unternehmen

Club of Rome – „Die grenzen des Wachstums“ – https://clubofrome.de/die-grenzen-des-wachstums/

Tagesschau zum Vorschlag der EU-Kommission – https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/co2-emissionshandel-stahlbranche-100.html

Wirtschaftsdienst zu Deindustriealisierung – https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2022/heft/12/beitrag/die-deindustrialisierung-deutschlands-berechtigte-sorge-oder-german-angst.html

Tagesschau zu Strompreisbremse – https://www.tagesschau.de/wirtschaft/stromsteuer-regierung-100.html

Jahresbericht 2025 des Deutschen Patent- und Markenamts – https://www.dpma.de/digitaler_jahresbericht/2025/assets25/pdf/jahresbericht2025.pdf

Wirtschaftswoche zur Solarbranche – https://www.wiwo.de/technologie/digitale-welt/blick-hinter-die-zahlen-45-photovoltaik-der-sonnenuntergang-der-deutschen-photovoltaik/26719744.html